DINGE ZURÜCKBRINGEN.

BRESLAUER JUDEN UND IHRE GEGENSTÄNDE

OP ENHEIM, Wrocław, Polen

29/05 – 29/09/2024

 

Der gepackte Hausrat, mitunter nur das Allernötigste, nur selten die gesamten Habseligkeiten – darunter Dinge des täglichen Bedarfs, Möbel, Bücher, Familienerbstücke, Kunstwerke und verschiedener Kleinkram – verließen zusammen mit den Familien Herz, Hadda, Freund, Tischler, Zadik, Falk, Sklarz, Peritz und vielen anderen aus dem Breslau der Vorkriegszeit im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung das Land. Ebenso wie ihre Besitzer sollten diese Gegenstände nie wieder in die Stadt zurückkehren.

Trotz allem sind sie heute, dank der Zusammenarbeit zwischen OP ENHEIM und der Urban Memory Stiftung im Oppenheim-Haus am Salzmarkt 4 zu sehen. Über die Jahrhunderte war das Gebäude das Zuhause für zahlreiche jüdische Familien aus Breslau. Die symbolische Geste, „die Dinge dorthin zurückzubringen, wo sie hingehören“, also die Rückkehr dieser Objekte nach Breslau – wenn auch nur für die Dauer der Ausstellung – stellt den Versuch dar, die deutsche, jüdische und polnische Identität der Stadt näher zusammenzubringen.
Es ist das erste Vorhaben dieser Art in Polen und stützt sich auf die privaten Sammlungen jüdischer Familien aus Breslau und wurde in Zusammenarbeit mit diesen umgesetzt.

Die annähernd einhundert Objekte, die im Rahmen der Ausstellung gezeigt werden, haben aus allen Himmelsrichtungen – aus Europa, Nord- und Südamerika sowie dem Nahen Osten – den Weg zurück nach Breslau gefunden.

Eingangs der Ausstellung werden Fundstücke aus dem Oppenheim Haus selbst präsentiert – zwei Mesusot und Papierzettel mit Notizen – die bei den Sanierungsarbeiten entdeckt wurden. Den Artefakten, die der Öffentlichkeit zum ersten Mal zugänglich gemacht werden, sind Aussagen der Nachkommen der in der Ausstellung vertretenden Familien gegenüber gestellt. Sie sind es, die die Besucher „begrüßen“ und ihre Gedanken über ihre Verbindung zu Breslau/Wrocław und den gezeigten Objekten mit uns teilen.

Die historische Erzählung über die deutsch-jüdische Gemeinde in Breslau der Vorkriegszeit nimmt im 18. Jahrhundert im nächsten Raum ihren Anfang, der mit „Einwohner_in werden“ überschrieben ist. Hier erfahren wir mehr über Gleichberechtigung, Integration, das bürgerliche Leben und die ersten aufsehenerregenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Karrieren von Juden in Breslau. Die Erinnerungsstücke aus dieser Epoche, die in den Familien die Zeiten überdauert haben, sind einzigartig und selten. Im nächsten Raum treffen wir auf eine Zeitleiste, entlang der wir mehr über verschiedene persönliche Gegenstände erfahren, die uns das florierende – familiäre, berufliche und religiöse – Leben der jüdischen Gemeinde der Stadt im 19. Und 20. Jahrhundert näher bringen.

Breslauer bzw. Breslauerin zu sein, findet seinen Ausdruck im Bereich Kultur und Bildung, der den Besuchern im nächsten Raum am Beispiel erhalten gebliebener Kunstwerke und Alltagsgegenstände vermittelt wird. Anschließend wird zu dem Teil der Erzählung über das Leben der jüdischen Breslauer Familien vor dem 2. Weltkrieg übergehen, der mit „Gekappte Verbindungen“ überschrieben ist. Hier kommen die zunehmende Verfolgung durch die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren und ihre Auswirkung auf die Angehörigen der Familien zur Sprache, deren Schicksale in der Ausstellung vorgestellt werden. Die Zahl der Gegenstände in diesem Teil der Ausstellung schrumpft buchstäblich vor unseren Augen zusammen.

Zum Abschluss werden die Besucher in einen Raum geführt, der den Weg jüdischer Sachen – geretteter, verloren gegangener und bisweilen auch wiedererlangter Gegenstände – während und nach dem Krieg mithilfe von audiovisuellen Medien nachzeichnet. Ihnen wird ein künstlerischer Kommentar in Form einer ortsspezifischen Arbeit der Berliner Künstlerin Anna Schapiro zur Seite gestellt. Schapiro legt die Schichten der Geschichte frei, die die in der Ausstellung gezeigten Objekte geprägt haben und erkundet die Erzählungen, die diesen Objekten innewohnen sowie die Art und Weise, wie unsichtbare und vernachlässigte Aspekte der Vergangenheit mit der Gegenwart verwoben sind.

Fotos: Jerzy Wypych, Alicja Kielan

 

CREDITS

Kuratoren der Ausstellung: Dr. Małgorzata Stolarska-Fronia und Dr. Maciej Gugała

Wir bedanken uns herzlich bei den Personen, Familien und Institutionen, die Objekte als Leihgabe für die Ausstellung zur Verfügung gestellt haben: der Familie Aviv, Tamar Cohn Gazit, Stephen und Donald Falk, Ann Goebel-Fabbri, William L. Gross, Ingeborg Huhn, Alfred und Lotte Laurence, Daniel Ljunggren, der Familie Pearce, Nicholas Rose, Benjamin und Rose Sklarz, Nick Tischler, Annemarie Wadlow und Madelaine Heldze Zadik sowie OP ENHEIM,der Universitätsbibliothek Wrocław, dem Staatsarchiv Wrocław und Yad Vashem.

Fachberater und Experten: Dr. Felicitas Heimann-Jelinek, Prof. Marcin Wodziński, Dr. Aleksandra Janus, Dr. Juliet D. Golden, Dr. Tamar Cohn Gazit, Stephen Falk, Donald Falk, Daniel Ljunggren, Prof. Tim Buchen

Künstlerische Intervention: Anna Schapiro

Ausstellungsplanung: Łukasz Adamski, Małgorzata Sobolewska

Projektmanagement: Agnieszka Jabłońska (UMF) mit Unterstützung von Tomasz Woydyłło (UMF) und Dr. Karolina Jara (OP ENHEIM & Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz DPS)
Ausstellungsgestaltung: Musk Kolektyw

Übersetzung, Textredaktion und Textkorrektur: Dr. Juliet D. Golden, Anna Nowogońska, Steffen Wirsing

PR und Promotion: Martyna Chrzanowska-Przystupa und Dominika Fedyk-Wolanin (MH+), Maria Majchrowska (OP ENHEIM)

Wissenschaftliche Unterstützung: Dr. Wojciech Tworek, Daniel Ljunggren, Dr. Monika Piechota, Dr. Danuta Płókarz, Celine Skrippek

Objektkonservierung: Anna Szlasa-Byczek, Mateusz Jasiński

Organisatoren: Stiftung Urban Memory und Stiftung OP ENHEIM

Partner:

Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz (DPS), VIKTOR Oppenheim Haus, Womak Holding SA, Stiftung Akcelerator Obywatelski Spark, Tadeusz-Taube-Lehrstuhl für Jüdische Studien der Universität Wrocław, Architekturmuseum Wrocław, Stadtmuseum Wrocław, KEIM, Open Reklama und die Partner des MultiMemo-Projekts: FestivALT, Stiftung Zapomniane, JCC Warschau, Stiftung Formy Wspólne, Stiftung Dokumentacji Cmentarzy Żydowskich/ Documentation of Jewish Cemeteries in Poland, CEJI – A Jewish Contribution to an Inclusive Europe, Universität Würzburg und Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

Die Ausstellung wird von der Europäischen Union im Rahmen des Projekts MultiMemo, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, dem Referat Kultur der Stadtverwaltung Wrocław und der Gesellschaft des Jüdischen Historischen Instituts in Polen kofinanziert.

Wir danken allen Sponsoren, Partnern, Einrichtungen und Personen, die zur Umsetzung dieses Projekts beigetragen haben.