ZERRISSENE BANDE

1933 ergriff die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit Adolf Hitler an der Spitze in Deutschland die Macht. In Breslau stimmten über 40 % der Einwohner für die Nazipartei. Um die antijüdische Stimmung, die seit der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg immer mehr zugenommen hatte, weiter anzuheizen, begannen die Nazis damit, Juden zu verfolgen und sie vom Rest der Gesellschaft auszugrenzen. Juden wurden von öffentlichen Ämtern und Berufen ausgeschlossen, wodurch unter anderem Ärzte, Anwälte und Akademiker ihre Arbeit verloren und Boykottmaßnahmen führten zum Zusammenbruch zahlreicher jüdischer Unternehmen und Geschäfte. Durch den Verlust ihrer Einkommensquelle, den Entzug weiterer Rechte und die Beschlagnahmung von Eigentum waren viele Juden gezwungen, in günstigere, kleinere Wohnungen umzuziehen. Im Verlaufe des Novemberpogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 machten die Nazis die Neue Synagoge dem Erdboden gleich und verhafteten am folgenden Tag über dreitausend Männer, die sie anschließend in Konzentrationslager und Gefängnisse deportierten. Auch plünderten sie in großem Stil jüdischen Besitz. Die restriktive Gesetzgebung und wirtschaftliche Beschränkungen führten dazu, dass immer mehr Juden eine Emigration ins Auge fassten, doch waren die Möglichkeiten zur Auswanderung begrenzt – nur wenige Länder öffneten ihre Grenzen für jüdische Einwanderer. Wem es gelang, ein Visum zu erhalten, stand vor einer weiteren Entscheidung: Was soll man mitnehmen? Diese Entscheidung fiel nicht leicht, da jeder aus dem Land ausgeführte Gegenstand mit einer Sondersteuer belegt wurde und sorgfältig dokumentiert werden musste.

  • Polizeiliche Abmeldung der Familie Herz, 1. August 1939.

    Dokument

    Für Walter, Hilde und Steffi Herz bedeutete dieses obligatorische polizeiliche Dokument über die Abmeldung aus der Wohnung in der Straße der SA 54 (vor 1933 Kaiser-Wilhelm-Straße, heute ul. Powstańców Śląskich) den endgültigen Schlusspunkt der Angelegenheiten, die vor der Emigration zu erledigen waren. In dem Schreiben ist das Ziel der Ausreise angegeben: Santiago de Chile. Etwa […]

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  • Tisch und Stühle von Albert Hadda, 1936.

    Artikel

    Einige Familien flohen mit sehr wenig Gepäck, während andere ihr gesamtes Hab und Gut und speziell für das Leben im Exil angeschaffte Gegenstände mitnahmen. Dazu gehörten auch dieser Tisch und diese Stühle – die praktischsten Möbelstücke überhaupt und zugleich universelle Symbole eines Zuhauses. Sie wurden 1936 von dem Architekten und Designer Albert Hadda für die […]

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  • Steffi Herz mit ihrer Mutter Hilde, der Großmutter Gertrud Bornstein und der Urgroßmutter Henriette Lomnitz, ca. 1939.

    Foto

    Erst ein Jahr nach ihrer Ausreise gelang es Hilde und Walter Herz, Hildes Mutter Gertrud Bornstein nach Chile nachzuholen. Auf diesem Foto, das in Breslau aufgenommen wurde, als die Familie noch komplett war, ist Gertrud links sitzend, zusammen mit ihrer Mutter, Tochter und Enkelin zu sehen. Auch Walters Mutter Olga Herz hoffte, aus Deutschland herauszukommen, […]

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  • Empfehlungsschreiben für Steffi Herz, 31. Juli 1939.

    Dokument

    Die Zerstörung ihres Schuhgeschäfts und der sich verstärkende Nazi-Terror bewegten Walter und Hilde Herz dazu, Deutschland in Richtung Chile zu verlassen, wo bereits Hildes Bruder lebte. An der jüdischen Schule, auf die ihre Tochter Steffi ging, baten sie um ein Empfehlungsschreiben, mit dem sie das Kind später an einer Schule im Ausland anmelden könnten: Die […]

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  • Ausschnitt aus dem Monatsblatt „Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt”, 1938.

    Dokument

    „Schuhe für Auswanderer“ – so bewarb das Schuhgeschäft Herz im Oktober 1938 sein Angebot in der Presse. Mit dem Werbeslogan sollten Juden angesprochen werden, die massenhaft aus Deutschland vor der Verfolgung flohen, von der auch die Familie Herz selbst betroffen war: In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 legten Nazi-Schlägertrupps in Breslau […]

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  • Gedichtband von Willy Cohn, 1910.

    Publikation

    „Es war sehr schmerzhaft für mich, von Daniel Abschied zu nehmen“, hielt Willy Cohn am 17. Februar 1939 in seinem Tagebuch fest. Damit meinte er Rudolf Daniel, seinen Freund und ehemaligen Schüler, der die Erlaubnis zur Ausreise aus Deutschland in das britische Mandatsgebiet Palästina erhalten hatte und zunächst ein Gymnasium in Haifa und später auch […]

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  • Pharus-Stadtplan Breslau 1939.

    Dokument

    Seit der Eröffnung der Neuen Synagoge im Jahr 1872 wurde sie auf Breslauer Stadtplänen oft mit einem Symbol oder farbig als wichtiges und leicht identifizierbares Gebäude gekennzeichnet, so wie andere bedeutende öffentliche Orte. Auf dem Stadtplan von 1939 war die Neue Synagoge dann jedoch nicht mehr auszumachen. Von dem ein Jahr zuvor in der Reichspogromnacht […]

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  • 1937 verbrachten Willy Cohn und seine Frau Trudi einen Monat im britischen Mandatsgebiet Palästina in der Hoffnung, eine Arbeit zu finden, die es ihnen ermöglichen würde, Deutschland endgültig zu den Rücken zu kehren. Dieses Foto entstand während des Aufenthalts im Kibbuz Givat Brenner, wo sich bereits Cohns Sohn Ernst Abraham aufhielt.

    Foto

    Nach dem Novemberpogrom stieg die Zahl der Juden, die verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, aus Deutschland zu fliehen, stark an. Allerdings waren nur wenige Länder bereit, sie aufzunehmen. Für die Einwanderung in das Mandatsgebiet Palästina wurden von den britischen Behörden Höchstkontingente festgelegt, die alle sechs Monate bekannt gegeben wurden. Die besten Chancen auf ein Visum […]

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  • Von links: Ruth, Tamara und Susanne Cohn, September 1939.

    Foto

    Nach dem Novemberpogrom stieg die Zahl der Juden, die verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, aus Deutschland zu fliehen, stark an. Allerdings waren nur wenige Länder bereit, sie aufzunehmen. Für die Einwanderung in das Mandatsgebiet Palästina wurden von den britischen Behörden Höchstkontingente festgelegt, die alle sechs Monate bekannt gegeben wurden. Die besten Chancen auf ein Visum […]

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  • Selbstbildnis von Heinrich Tischler, 1937.

    Kunstwerk

    Das Leben in einem Zustand ständiger Bedrohung hatte Angstzustände, Frustration und Depressionen zur Folge. Seiner emotionalen und spirituellen Krise verlieh der Künstler Heinrich Tischler in diesem Selbstporträt Ausdruck, auf dem er sich als ein „im Leben toter“ Geist darstellt, der in einer Geste der Hilflosigkeit seine Fäuste ballt. Aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung musste Tischler, wie […]

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  • Die Geschwister Cohn, 1935. Von links: Ruth, Ernst Abraham und Susanne.

    Foto

    Nach dem Novemberpogrom stieg die Zahl der Juden, die verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, aus Deutschland zu fliehen, stark an. Allerdings waren nur wenige Länder bereit, sie aufzunehmen. Für die Einwanderung in das Mandatsgebiet Palästina wurden von den britischen Behörden Höchstkontingente festgelegt, die alle sechs Monate bekannt gegeben wurden. Die besten Chancen auf ein Visum […]

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  • Reisepass von Erwin Zadik, 1937.

    Dokument

    Auch Erwin Zadik, der Ehemann von Ursula Beyer, wurde von der Gestapo verfolgt. Nach seiner Deportation ins KZ Buchenwald, nur zwei Monate nach ihrer Hochzeit, kaufte Ursula für beide Fahrkarten für ein Dampfschiff, um Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Ihr Ziel war die exterritoriale britisch-amerikanische Enklave in Shanghai, die als einziges Territorium auf […]

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  • Umschlag eines von Ursula Zadik aus dem Gefängnis in Breslau geschriebenen Briefes, 5. Januar 1939.

    Dokument

    Die Gestapo, die berüchtigte politische Polizei des NS-Regimes, verhaftete Helga und Ursula Beyer 1938 und steckte sie ins Gefängnis, aus dem die Schwestern in Umschlägen wie diesem Briefe an ihre Lieben schickten. Ursula wurde vom Gericht freigesprochen, Helga jedoch als vermeintliche Kommunistin, die eine Bedrohung für den Staat darstellt, wegen Hochverrats zu dreieinhalb Jahren Gefängnis […]

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  • Die Schwestern Ursula und Helga Beyer mit Freunden, Sudeten, 1937.

    Foto

    Im nationalsozialistischen Deutschland war jedwede politische Opposition verboten und das Engagement in Widerstandsgruppen im Untergrund erforderte großen Mut, den nur wenige aufbrachten. Die Schwestern Ursula und Helga Beyer gingen dieses Wagnis ein, insbesondere Helga war aktiv. So machten sich die Schwestern unter dem Vorwand von Skiausflügen in die Sudeten auf, um in Skistöcken versteckte anti-nationalsozialistische […]

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  • Postkarte von Tischler aus dem Konzentrationslager Buchenwald, 1938.

    Dokument

    Mit dem 12. November 1938 reißt die Aufgabenplanung in Heinrich Tischlers Taschenkalender ab. An diesem Tag wurde er im Zuge der Verhaftungsaktion jüdischer Männer im gesamten deutschen Reich von den Nazis in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. „Mir geht es hier gut, ich brauche nichts“, schrieb er auf einer Postkarte, die er aus dem Lager an […]

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  • Taschenkalender von Heinrich Tischler, 1938.

    Artikel

    Mit dem 12. November 1938 reißt die Aufgabenplanung in Heinrich Tischlers Taschenkalender ab. An diesem Tag wurde er im Zuge der Verhaftungsaktion jüdischer Männer im gesamten deutschen Reich von den Nazis in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. „Mir geht es hier gut, ich brauche nichts“, schrieb er auf einer Postkarte, die er aus dem Lager an […]

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  • Chanukka bei den Halperts, 25. Dezember 1938.

    Foto

    Am 25. Dezember 1938 wurde im Haus des Rechtsanwalts Otto Halpert, seiner Frau Hertha und ihren drei Töchtern in der Eichendorffstraße 32/34 (ul. Sokola) die achte Kerze des traditionellen Chanukka-Leuchters entzündet und damit der letzte Tag des jüdischen Lichterfests verkündet. Eines der Familienglieder machte zur Erinnerung dieses Foto. In jenem Jahr wurde das Chanukka-Fest bei […]

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  • Neue Synagoge Breslau, ohne Datum.

    Foto

    In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 führten organisierte Schlägertrupps vom nationalsozialistischen Regime im ganzen Deutschen Reich organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden durch, prügelten und töteten Menschen, verwüsteten Häuser und Geschäfte und zerstörten Synagogen. Hans Hermann Neustadt war Zeuge der Zerstörung der Neuen Synagoge in Breslau – er bewahrte ein aus […]

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  • Antrag von Albert Hadda an die Reichskammer der bildenden Künste auf Rücknahme der Entscheidung über den Ausschluss aus der Schule, 1934.

    Dokument

    Im November 1934 erhielt Albert Hadda, wie alle jüdischen Architekten in Deutschland, ein Schreiben von der Reichskammer der bildenden Künste, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass ihm die Ausübung seines Berufes fortan untersagt ist. Aber Albert beschloss zu kämpfen: Er legte Widerspruch gegen diese Entscheidung ein. Dieser blieb jedoch erfolglos und so musste er sich […]

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  • Arbeitsbuch von Albert Hadda, 1936.

    Dokument

    Im November 1934 erhielt Albert Hadda, wie alle jüdischen Architekten in Deutschland, ein Schreiben von der Reichskammer der bildenden Künste, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass ihm die Ausübung seines Berufes fortan untersagt ist. Aber Albert beschloss zu kämpfen: Er legte Widerspruch gegen diese Entscheidung ein. Dieser blieb jedoch erfolglos und so musste er sich […]

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  • Willy Cohn in seinem Büro, in der Opitzstraße 28 (ul. Żelazna), Breslau, August 1934.

    Foto

    „Stephan, der Hausmeister der Schule, kam zu mir, um mir einen Brief zu überbringen, in dem ich darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass ich mit sofortiger Wirkung beurlaubt war“, schreibt Willy Cohn, Historiker und Lehrer am Breslauer Johannesgymnasium unter dem Datum des 18. Juni 1933 in seinem Tagebuch. Bereits in den ersten Monaten nach der […]

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  • Brief mit Geburtstagswünschen für Steffi Herz in Chile von ihrer Großmutter Olga aus Breslau, 15. März 1940.

    Dokument

    Erst ein Jahr nach ihrer Ausreise gelang es Hilde und Walter Herz, Hildes Mutter Gertrud Bornstein nach Chile nachzuholen. Auf diesem Foto, das in Breslau aufgenommen wurde, als die Familie noch komplett war, ist Gertrud links sitzend, zusammen mit ihrer Mutter, Tochter und Enkelin zu sehen. Auch Walters Mutter Olga Herz hoffte, aus Deutschland herauszukommen, […]

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  • Schlittschuhläufer in Breslau, Winter 1940/1941.

    Foto

    Dieses Foto von Schlittschuhläufern auf dem gefrorenen Stadtgraben entlang der Wallstraße (ul. Pawła Włodkowica) wurde im Winter 1940/1941 von Albert Hadda aus dem Fenster der Wohnung am Nikolai-Stadtgraben 16 (ul. Podwale) aufgenommen. War das Foto nur eine gewöhnliche Routineübung, probierte der Fotograf einfach einen neuen Apparat aus oder war es vielleicht Ausdruck von etwas anderem? […]

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  • Im Schatten von Hakenkreuzen an der Ostsee, Filmaufnahme, 1930er Jahre

    multimedia

    In den 1930er Jahren nahm die Familie des Pharmazeuten Hermann Freund eine Amateurkamera mit in den Urlaub und hielt die gemeinsamen Momente am Ostseestrand fest. Im Hintergrund der sorglosen, ausgelassenen Aufnahmen sind immer wieder Wimpel mit Hakenkreuzen, dem allgegenwärtigen Symbol der Unterdrückungsmacht der Nazis, auszumachen. Trotz aller Schwierigkeiten versuchten die meisten Juden, so gut es […]

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